Nach zwei Monaten Wanderpause, aufgrund von Verletzung und Hitzewelle, trat ich am 18. Juli beim Mammutmarsch in Essen an. Genauer: beim „kleinen Endgegner“ mit 75 Kilometern. Meine einzige Vorbereitung: eine kleine 15-Kilometer-Wanderung ohne nennenswerte Höhenmeter ein paar Tage zuvor. Eine irre Idee. Mit eine ICE ging es direkt nach Essen. Dort übernachtete ich diesmal direkt an der „Rü“ – der Essener Partymeile. Das Hotel lag an der U-Bahn U11, eine Station vom Grugapark entfernt. Es gab allerdings wegen Bauarbeiten SEV mit einem Bus „U 11“ in der Parallelstraße.



In Essen war ich 2026 schon: beim „Glück-auf-Marsch“ von Nordmarsch. Die Nordmarsch-Strecke mit 620 Höhenmetern sollten wir dreimal berühren. Die 75er Mammutmarsch-Strecke hatte über 1500 Höhenmeter, die 100er Strecke über 2000. Die irrste Strecke, die ich bisher hatte. Nach einer lauten Rü-Party-Nacht, ich hatte das Fenster offen, ging es früh mit dem Bus zum Grugapark. Ich hatte gleich die erste 75er Startgruppe um 14:30 Uhr gewählt. Im Grugapark musste man noch durch den halben Park laufen. Ich war viel zu früh da, und sah mir noch die Vögel in der Freifluganlage an. Startbändchen dran und dann ging es auch schon los.



Die ersten fünf Kilometer ging es durch Essen. An dem Trödelmarkt, am Messegelände, rief eine Frau zu mir, dass sie vollsten Respekt für uns Wanderer habe. Ich wusste nicht was ich darauf sagen sollte, den ich war nicht sicher ob ich überhaupt die Hälfte schaffe. Beim 15-Kilometer-Übungsmarsch war ich hinterher ziemlich fertig. Nach fünf Kilometern trafen wir auf die Nordmarsch-Strecke und hatten einen kleinen Ausblick auf die Villa Hügel, von 1873 bis 1945 das Wohnhaus der Unternehmerfamilie Krupp und seit 1945 im Eigentum der Familienstiftung.



Nach zwölf Kilometer überquerten wir ein weiteres Mal die Nordmarsch-Strecke bei der Ruhrbrücke in Werden. Kleine Schlaufe an der Brücke gelaufen. Vor Werden ging es steil nach unten, nach Werden ging es steil nach oben. Der erste von zehn Zacken auf der Komoot-Anzeige – der Pastoratsberg. Irgendwie bestanden höchstens 20% der Strecke aus geraden Wegen, sonst ging es entweder bergauf oder bergab. Dann folgte auch schon die zweite Zacke und kurz nach dem 20-Kilometer-Schild der VP 1.



Der VP lag vor dem Jugendhaus St. Alfried. Dort suchte ich mir ein kleines Stück Wiese um mich mal etwas hinzulegen. Ich füllte die leeren Trinkflaschen mit Tee auf und aß ein weiches Brötchen. Da ich wieder massiv scvhwitzte, wie immer, hatte ich feuchte Waschtücher mit und rubbelte damit den Schweiß aus dem Gesicht. Die ganze Zeit bis dahin, war mir nach aufgeben zumute. Ich bin überhaupt nicht richtig in den Tritt gekommen. Nun, ich ging dann einfach weiter. Es wurde dann auch nicht besser.



Unterwegs gab es dreimal lustige Mammut-Schilder mit der Aufschrift: „Achtung Mammutwechsel! Bitte Rücksicht nehmen. Bitte nicht anfassen. Anfeuern ausdrücklich erwünscht.“ Bis VP 2 habe ich sehr wenige Erinnerungen. Bis dahin waren schon die schnelleren Wanderer aus Startgruppe 11 und 12 an mir vorbeigezogen. Irgendwo nach Kilometer 23 traf ich die letzten 100er. Das motivierte ein wenig. Vorher gab es nur mitleidige Blicke von Mitwanderern. Ich glaube, niemand von ihnen dachte, dass ich ankomme. Ich auch nicht.



Irgendwo bei Kilometer 37 folgte Schloss Hardenberg in Velbert mit dem zweiten VP. Davon war nicht viel zu sehen. Wir waren in einem Innenhof. HotDog wollte ich nicht, so gab es zwei Gewürzgurken. Außerdem Cola und Tee in die Trinkflaschen. Ich setzte mich auf den Steinboden. Es war nun völlig finster, ich knipste nur noch die Schilder im Licht der Stirnlampe. Diese ist dann leider verschieden und ich musste unterwegs die Taschenlampe auspacken. Vermutlich der Akku hinüber. Ich war auch hinüber.



Es ging hinauf, es ging hinunter. Alte Bergwandertechnik: bergauf alle zehn Meter eine Pause machen und bergab etwas schneller. Bei einem Gespräch unterwegs erklärte mit ein Mitwanderer, dass er bergab hasst, weil das auf die Knie geht, bergauf wäre okay. Ich meinte, bei mir wäre das andersherum. Eine halbe Stunde später, bei einem Abstieg, knallte ich mir den großen Zehennagel am rechte Fuß weg. Am VP 3 stellte ich mit Verwunderung fest, dass ich nur zwei Miniblasen hatte. Den noch dranhängenden Zehennagel klebte ich mit Pflaster fest. Ich erntete mitleidige Blicke von den Sanitätern und beschloss dann, einfach bis zum Ende durchzuziehen.



Am VP 3 gab es „Kartoffelsuppe“, die mir noch mehrere Stunden den Magen umdrehte. Flaschen aufgefüllt. Auf zur Burg Isenberg und was davon übrig ist. Leider guckte ich mal auf Komoot und merkte, dass die Burg erst auf der Hälfte den Anstiegs liegt. Dafür gab es beim Abstieg ein Pony zum Streicheln. Komoot spinnte völlig herum und zeigte irgendwelche anderen blauen Linien an. Der letzte große Zacken war dann der Isenberg und die Singscheider Höhe folgte auch noch. Nun gab es endlich ein paar Kilometer ohne An- und Abstiege. Nordmarsch-Strecke über die Kampmannbrücke und am nördlichen Ufer des Baldeneysees entlang.



Vier Frauen mit dem Spruch: „es geht nicht um Zeit, sondern ums Überleben“, vier junge Leute die den 100er machten, ein 70-Jähriger. Alle später im Ziel gesehen. VP 4 direkt am See. Ein Anpreiser direkt am Tor, zwei Wanderer die Ohrhörer im Gras suchten. Weiter am See entlang. Am alten Förderturm vorbei. Am letzter Anstieg machte sich pure Verzweifelung breit. Irgendwie trotzdem nach oben gekommen. An der Bahnlinie entlang. An der Frankenstraße kreuzte sich die Strecke.



Die letzten drei Kilometer zogen sich dann ziemlich. Ich hatte deutlich Schlagseite nach links – eine Ausweichhaltung wegen eines kaputten Wirbels. Der letzte Kilometer durch den Grugapark und dann durchs Ziel. So langsam war ich noch nie. Über 20 Stunden für 75 Kilometer. Komoot hatte dann 80 Kilometer mit 1680 Höhenmetern ermittelt. Medaille gab es trotzdem und den Wanderpass nicht abgestempelt. Finisher-Sprite auf der Wiese. Ab zum Bus.



Im Hotel verlängerte ich um einen Tag und legte mich nach der Dusche ins Bett. Vorher buchte ich noch die Rückreise mit ICE und IC. Unerwarteterweise gab es nur zwei kleine Miniblasen. Dafür den abgehobenen Fußnagel. Am Montag ging es dann mit Muskelkater nach Hause.
Hier noch ein Video aus meiner Startgruppe von Chris und Liz am Limit, außerdem gab es Videos von der 100er Strecke von Torsi geht wandern, Around Hiking, Climbing & Traveling, Thomas kann, SannoVSNature. Sportograf-Fotos werden nachgereicht.